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Auf ein Wort

von Pfarrer Jörg Machel

Foto © Jörg Machel
© Jörg Machel

Wer sich aufregen will, findet Gründe in diesen durch Corona geprägten Zeiten. Warum dürfen sich die Leute vor Aldi drängeln und IKEA bleibt geschlossen? Warum werden die einen finanziell unterstützt und andere gehen leer aus? Wer wagt es, an Schulöffnung zu denken, solange die Sanitäreinrichtungen marode sind?

Auch die Friedhöfe haben Unmut auf sich gezogen, als wir die Pforten für einige Tage schließen mussten. Auch das hat nicht jedem eingeleuchtet. Offen gestanden, wir selbst waren unsicher, wie mit der Pandemie umzugehen sei. Als in den ersten Tagen viele öffentliche Einrichtungen geschlossen waren, wurden einige Friehöfe zu einem Ausweichareal, wo scheinbar keine Ordnung gilt. Inzwischen ist auch in der Krise Normalität eingetreten. Es gibt Regeln. Die sind bekannt. Die Leute halten sich meist daran. Die Friedhöfe sind wieder zugänglich. Darüber sind wir froh.

Froh vor allem deshalb, weil es für viele Menschen unerträglich war, den Friedhof als den Ort ihrer Trauer verschlossen vorzufinden. Gerade weil Friedhöfe mehr sind als nur Begräbnisstätten, müssen wir darauf achten, dass die zentrale Bestimmung der Friedhöfe nicht aus dem Blick gerät.

Hier liegen die Menschen begraben, die uns wichtig sind, hier spüren wir eine besondere Nähe zu unseren Toten, können Blumen niederlegen, verweilen. Ich wohne auf dem Friedhof und erlebe tagtäglich, für wie viele Menschen der Ort ihrer Trauer zu einem wichtigen Ort ihres Lebens wurde. Die Blumenfrau am Eingang, der Besucher am Nachbargrab, die Friedhofsarbeiter, eine Zufallsbekanntschaft am Brunnen, es entwickeln sich erstaunlich vielgestaltige Netzwerke auf unseren Friedhöfen.

Als Pfarrer begegne ich auf meinem Friedhof immer wieder Menschen, die ich selbst in ihrer Trauer begleiten durfte. Einige Grabstellen sind mir persönlich wichtig, weil dort Menschen liegen, die mir in meinem Leben zu Freunden geworden sind und um die ich trauere.

Noch sind wir im Krisenmodus. Die Lange Nacht der Friedhöfe, die im letzten Jahr so viel Zuspruch gefunden hat, werden wir auf das kommende Jahr verschieben müssen. Eine Predigtreihe, mit der ich im Mai im Mausoleum Spinn starten wollte, wird wohl auch erst einmal ausfallen. Schade! Aber zur individuellen Trauer auf Ihrem Friedhof ist glücklicherweise wieder Gelegenheit und für einen erholsamen Spaziergang natürlich auch. Man sieht sich …

Jörg Machel, Pfarrer
Vorstandsvorsitzender des Ev. Friedhofsverbandes Berlin Stadtmitte